„Ein Gläubiger sollte in allem erkennbar sein: an seinem Gang und seinem Blick, an seinem Erscheinungsbild und an seiner Stimme! Ich sage das, damit wir auf einen anständigen Wandel achten – nicht um uns zur Schau zu stellen, sondern zum Nutzen derer, die uns sehen. Doch von welcher Seite ich dich auch zu erkennen versuche, überall finde ich das Gegenteil. Will ich dich nach den Orten beurteilen, an denen du dich aufhältst, sehe ich dich bei den Pferderennen; ich sehe, wie du deine Tage mit Unrecht, in schlechten Gesellschaften und auf dem Markt unter ausschweifenden Menschen verbringst. Will ich dich nach deinem Gesichtsausdruck beurteilen, sehe ich, dass du unaufhörlich lachst und zerstreut bist wie eine zügellose Dirne, deren Mund niemals stillsteht. Beurteile ich dich nach deiner Kleidung, sehe ich, dass du nicht besser herausgeputzt bist als ein Schauspieler. Beurteile ich dich nach deinen Begleitern, sehe ich, dass du Schmarotzer und Schmeichler um dich sammelst. Beurteile ich dich nach deinen Worten, höre ich nichts Vernünftiges, Sinnvolles oder für unser Leben Nützliches. Beurteile ich dich nach deiner Tafel, finde ich noch mehr Gründe zur Verurteilung. Sag mir also: Woran soll ich erkennen, dass du ein Gläubiger bist, wenn alles Genannte das Gegenteil bezeugt?
Und warum sage ich: ein Gläubiger? Ich kann nicht einmal mit Gewissheit erkennen, ob du ein Mensch bist! Wenn du ausschlägst wie ein Esel, springst wie ein Ochse, den Frauen nachwieherst wie ein Pferd, dich vollfrisst wie ein Bär, deinen Leib mästest wie ein Maultier, nachtragend bist wie ein Kamel, raubgierig wie ein Wolf, zornig wie eine Schlange, verletzend wie ein Skorpion, hinterlistig wie ein Fuchs, wenn du das Gift der Bosheit in dir trägst wie eine Giftschlange und eine Viper und deine Brüder bekämpfst wie ein böser Dämon – wie soll ich dich einen Menschen nennen, wenn ich an dir keine Merkmale menschlicher Natur erkenne? Ich suche nach dem Unterschied zwischen einem Taufbewerber und einem Gläubigen und gerate in Gefahr, nicht einmal den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu finden! Wie soll ich dich denn nennen? Ein Tier? Jedes Tier besitzt doch nur eine dieser Eigenschaften. Du aber vereinigst alle Laster in dir und übertriffst sie in deiner Unvernunft bei Weitem! Soll ich dich einen Dämon nennen? Aber ein Dämon dient nicht der Tyrannei des Bauches und liebt das Geld nicht. Wenn du also mehr Laster hast als Tiere und Dämonen, sag mir: Wie kann man dich einen Menschen nennen? Und wenn man dich nicht einmal einen Menschen nennen kann, wie sollen wir dich einen Gläubigen nennen?“
Johannes Chrysostomos.