Ein Schneider hatte die Gewohnheit, von den Stoffen, die seine Kunden ihm brachten, beträchtliche Stücke für sich abzuschneiden. Sein Gewissen billigte das natürlich nicht. Doch er versuchte, die innere Stimme zu überhören, und machte weiter. Eines Nachts träumte er, er stehe vor dem wahrhaftigen Richter. Der Schneider versuchte, sich zu rechtfertigen: Er sei ein ehrlicher Mensch und habe niemandem etwas Böses getan. Doch plötzlich entrollte sich vor seinen Augen ein riesiges Banner, zusammengesetzt aus allen Stoffstücken, die er seinen Kunden vorenthalten hatte. Da senkte er demütig den Kopf und rechtfertigte sich nicht länger.
Blass und aufgewühlt erzählte er seinen Gesellen am Morgen den schrecklichen Traum. Er bat sie inständig, ihn jedes Mal aufzuhalten und an den Traum zu erinnern, wenn sie bemerkten, dass er wieder ein Stück Stoff für sich abschneiden wollte.
Viel Zeit verging. Der Meister stand noch immer unter dem Eindruck des furchtbaren Traums, und die Gesellen mussten ihn nicht ermahnen. Doch unglücklicherweise schickte ihm ein Kunde einen kostbaren, wundervollen Stoff. Die Versuchung war zu groß, und der Meister widerstand nicht. Vergeblich erinnerten ihn die Gesellen an den Traum.
„Schweigt“, sagte er. „Ich erinnere mich genau: Ein solcher Stoff war nicht in dem Banner!“
Der arme Mann! Er versuchte, sein Gewissen einzuschläfern, und blieb unter der Macht der Sünde.