Ein Wunder in Moskau.
So lautet der Titel eines Artikels des bekannten brasilianischen Journalisten und guten Christen Gustavo Corção. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, diese Geschichte für meine Leser zu übersetzen.
Ein Moskauer Theater kündigte die Aufführung einer neuen gotteslästerlichen Farce mit dem Titel ‚Christus in der Jacke‘ an. Zur Premiere wurden Komsomolmitglieder und Schüler eingeladen; der Saal war überfüllt. Die Hauptrolle erhielt Alexander Rostowzew, ein bekannter Schauspieler mit engen Beziehungen zu Regierungskreisen und zu Nikita Chruschtschow. Rostowzew galt als überzeugter Marxist und bewusster Atheist.
Im hinteren Teil der Bühne stand ein ‚Altar‘ mit einem Kreuz aus Bier- und Wodkaflaschen. Davor lagen Flaschen, Aschenbecher und zerbrochene Gläser. Dickbäuchige ‚Priester‘ taumelten um den Altar. Ihr ‚Gottesdienst‘ sollte von betrunkenem Geschrei und wenig sittsamen Bewegungen begleitet werden. Ringsum standen Wirtshaustische, an denen alte, dicke Mönche Karten spielten, Wodka aus Gläsern tranken und unanständige Witze machten. Zu Beginn des zweiten Aktes betrat Rostowzew als Christus die Bühne. Er trug ein Untergewand und einen Mantel und hielt ein Neues Testament in der Hand. Daraus sollte er die ersten beiden Seligpreisungen lesen, dann das Buch zu Boden werfen, das Gewand ablegen und schreien: „Gebt mir eine Jacke und eine Mütze!“
Doch etwas Unerwartetes geschah. Würdig und ohne Grimassen las Alexander Rostowzew die ersten Verse: „Selig sind die geistlich Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ Weiterzulesen gehörte nicht zu seiner Rolle. Aber er las weiter: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.“ Und weiter, bis zum Ende.
Längst war der Augenblick verstrichen, in dem der Schauspieler Gewand und Buch zu Boden werfen und Jacke und Mütze verlangen sollte. Längst gab ihm der Souffleur aus seinem Kasten verzweifelte Zeichen. Der Saal erstarrte; alle spürten, dass etwas nicht stimmte.
Doch Rostowzew las weiter. Er las sämtliche Seligpreisungen, die Worte über Ehebruch, Schwören und den Verzicht auf Vergeltung. Erst nach dem letzten, dem achtundvierzigsten Vers des fünften Kapitels des Matthäusevangeliums hielt er inne. Dann schlug er ein großes Kreuzzeichen und sagte laut und deutlich: „Gedenke meiner, Herr, wenn du in dein Reich kommst!“ Mit dem Neuen Testament in den Händen und noch immer im Gewand und Mantel Christi verließ er die Bühne.
Gustavo Corção folgert daraus, dass die Machthaber trotz der Herrschaft der Dämonen und eines halben Jahrhunderts religiöser Verfolgung die Liebe zu Jesus Christus im Volk nicht auslöschen konnten: eine Liebe, die weder vor dem Bekenntnis noch vor dem Martyrium zurückschreckt.
Diese Erzählung wird nach dem in der Buchvorlage wiedergegebenen Bericht übersetzt.