Es war ein früher Maimorgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und der Garten bebte im Licht der Dämmerung. Auf einem Rosenstrauch saßen fünf Nachtigallen, ein Weibchen in der Mitte und vier Männchen ringsum. Der Reihe nach sangen die vier, um ihre Gefährtin zu bezaubern. Es war wahrhaftig ein glänzender Wettstreit! Jeder wollte die anderen übertreffen, und einer sang schöner als der andere.
Das Weibchen hörte geduldig zu, doch offenbar gewann keiner der Sänger sein Herz. Unschlüssig blickte es von einem zum anderen. Ach, wie schwer ist es, Liebe zu erwidern, wenn das Herz schweigt!
Plötzlich erklang aus den Zweigen eines nahen Granatapfelstrauchs ein Triller. Das Weibchen wandte den Kopf. Dort sang eine kleine Nachtigall, verborgen hinter den roten Blüten. Ich hatte schon oft Nachtigallen gehört und ihren Gesang bewundert, aber etwas Derartiges hatte ich noch nie vernommen. Welch ein Wechsel der Töne, welch zarte Triller, welch unzählige Tonfolgen!
Es war das Lied eines Herzens, das vor Liebe brannte. Glühende Tränen und grenzenlose Trauer lagen darin. Das Lied verschmolz mit dem morgendlichen Duft der unzähligen Blüten. Es breitete sich im Garten aus und verwandelte alles ringsum in ein Zaubermärchen.
Ich hörte zu und verlor mich in Träumereien. Da sah ich, wie das Weibchen, vom Gesang bezaubert, zu dem Sänger hinüberflog. Es setzte sich neben ihn und barg zärtlich seinen kleinen Schnabel unter seinem Flügel.
Bald verstummte der Sänger. Inmitten der purpurroten Blüten liebkosten sie einander mit ihren Schnäbeln. Sie waren so in ihr Glück versunken, dass sie gar nicht bemerkten, wie die vier anderen Nachtigallen die Köpfe hängen ließen und davonflogen.
Einen Augenblick später sang der Sänger erneut. Laut und kraftvoll erklang sein feierliches Siegeslied. In jedem Ton glühte sein brennendes Herz. Wie ein funkelnder Springbrunnen stiegen grenzenloses Glück und helle Freude empor. Da brach das Lied plötzlich ab, und der Sänger fiel wie getroffen zu Boden. Ich lief zu ihm.
Der arme Vogel lag auf der Erde. Aus seiner zarten Kehle strömte Blut, und seine halb geschlossenen Augen waren erloschen.
Das Weibchen flatterte verstört und klagend über dem Sänger, den das Feuer der Liebe verzehrt hatte.