Nach dem Krieg bauten wir unweit von Workuta eine neue Zeche. In unserer Arbeitsbrigade waren zwei Gläubige. Sonntags weigerten sich diese beiden Brüder zu arbeiten. Dafür wurden sie oft schwer geschlagen. Sie waren bereits durch viele Lager gegangen und von einem ins andere verlegt worden. Niemand wollte sie haben. Der neue Lagerkommandant beschloss, ihnen ein Ende zu machen.
Als sich die Gläubigen an einem Sonntag erneut weigerten zu arbeiten, bemerkten die Gefangenen, dass die Wachen statt zwei nun sechs Schäferhunde bei sich hatten. Zudem waren die Tiere hungrig. Der Kommandant befahl den Brüdern, aus der Reihe zu treten. Die Gefangenen hielten den Atem an. Jeder wusste, was das bedeutete.
Die beiden Brüder — vorn der alte Mann, hinter ihm der junge — traten aus der Reihe, gingen durch das Tor und auf die Tundra zu. Dann ließ man die hungrigen Hunde auf sie los. Als die Brüder die Tiere mit gefletschten Zähnen und schwerem Atem herankommen hörten, blieben sie stehen und wandten sich ihnen zu. Sie falteten die Hände zum Gebet und hoben ihre Gesichter zum Himmel. Es war ein düsterer Tag; außer Wolken war nichts zu sehen.
Jeder wusste, dass die Hunde die Brüder in wenigen Sekunden erreichen und zerreißen würden. Viele Gefangene verbargen das Gesicht in den Händen.
Doch was geschah? Als die hungrigen Hunde bei den Brüdern ankamen, wichen sie plötzlich zur Seite aus und liefen im Kreis um sie herum. Dann legte sich ihre Verwirrung, und das zornige Bellen ging in freudiges Winseln über. Mit wedelnden Schwänzen krochen die Tiere um die Brüder herum. Schließlich begannen sie, beiden die Füße zu lecken. Als das wütende Bellen und Zähnefletschen verstummt war, hörten die Gefangenen, wie die Brüder ein christliches Lied sangen. Gefangene und sogar einige Wachen begannen sich voller Erschütterung zu bekreuzigen. Viele weinten.
Der bleiche Lagerkommandant entfernte sich wortlos. Schließlich pfiff ein Wachmann die Hunde zurück und befahl den Brüdern, wieder in die Reihe zu treten.
„In diesem Augenblick“, schreibt der Augenzeuge, „begriff ich, dass es eine Macht gibt, die stärker ist als alle irdischen Mächte. In jenen Tagen kamen viele Gefangene zum Glauben an den Herrn, darunter auch ich.“